Wenn der Sommer in Schweden endlos scheint

Schweden verbringen ihren Sommer oft in ihrer Sommarstuga, dem kleinen Sommerhaus: Baden, Blaubeeren sammeln, Frösche fangen – es passiert so viel im Sommerhaus, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert. Komm mit!

Endlich sehen wir das Häuschen durch die Bäume hindurch, während unser Auto über den Weg ruckelt. Wir halten zwischen Farn und Birken. Es summt und flattert, als wir die Türen öffnen, die ersten Blaubeeren wachsen direkt daneben. Noch bevor wir das Auto ausladen, gehen wir runter ans Meer. Ein schmaler Pfad führt durch ein lichtes Wäldchen vom Sommerhaus direkt zu den glattgewaschenen Felsen am Wasser. Da stehen wir also, wie jedes Jahr. Wir schauen aufs Meer, es ist so still und weit hier, der Wind weht uns zur Begrüßung ein paar kleine Wellen entgegen, eine Möwe schaukelt draußen auf dem Wasser, eine Hummel summt vorbei.

Ein rotes Häuschen im Stockholmer Schärengarten – und das Gefühl von Bullerbü

Am liebsten würden wir gleich baden gehen, aber wir beziehen erstmal das Häuschen. Es ist einfach, aber mit allem, was man braucht und in dem fast alles noch so aussieht, wie damals, als Gammelfarfar, der schwedische Uropa, das Haus gebaut hat. Inklusive Blümchentapeten, Angelzeug und Kartoffelschälgerät.

Jedes Jahr verbringen wir viele Wochen hier, wo die Familie schon seit Generationen die Sommer verbringt: In ein kleines rotes Häuschen auf einer Insel im Stockholmer Schärengarten. Ziemlich einsam, ziemlich schön, ziemlich viel Bullerbü. Und das schönste an der Zeit hier: Wir haben keine großen Pläne. Lassen den Tag einfach mal kommen und schauen, was passiert.

Auf dem Weg zurück vom Wasser, halten wir beim Spielhäuschen, der „Lekstuga“, das genauso aussieht wie das große Schwedenhaus, nur in klein. Darin hat schon die Oma als Kind gespielt. Wir öffnen die kleine grüne Türe und ja, es ist alles da: das kleine rote Stühlchen am Kindertisch, die Kinderküche mit dem zerbeulten Geschirr, Puppenbetten bis oben hin gefüllt mit selbstgenähten Puppenkleidern.

Packen für den schwedischen Sommer: Zwischen Matschhose, Bikini und Knäckebrot

Weil sich der schwedische Sommer zuverlässig irgendwo zwischen 13 und 30 Grad erstreckt, ist der Gepäckberg, den man von Zuhause mitbringt entsprechend hoch, vor allem, wenn Kinder mit dabei sind: Picknickdecke und Matschhose, Bikini und Regenschirm, Sonnenhüte und Mützchen, Sommerkleid und Wärmflasche, Homeofficeausstattung und Laufrad.

Später sitzen wir bei Rotwein und Knäckebrot auf der Terrasse. Eine riesige Libelle flirrt vorbei, etwas weiter pocht ein Specht, zwei Ameisen wollen etwas von unserer Butter. Dürfen Ameisen gesalzene Butter essen? Wir überlegen. Besser nicht, beschließen wir.

Wenn das Abenteuer Natur die Wasserleitung erwischt

Auf einmal rauscht es unter dem Haus. Aus einer Wasserleitung schießt Wasser. Der lange kalte Winter hinterlässt eben seine Spuren, in einem Jahr hatte das Eis unseren Steg einfach zur Seite gekippt, dieses Jahr hat es die Wasserleitung erwischt. Wir rennen los, schalten die Pumpe aus, die das Wasser aus dem eigenen Brunnen pumpt, und liegen daraufhin große Teile des Tages reparaturbedingt unterm Haus. Viel Getüftel, eine Fahrt in den 60 Kilometer entfernten Baumarkt und viel unterm-Haus-Rumgeliege später, ist das Leck geflickt, das Wasser fließt wieder, die Dusche ist warm. Und da ist es wieder, dieses unschlagbare Gefühl, das hier alles noch so echt und ursprünglich ist. Selten sind wir so nah dran an der Natur, ihren Kräften so ausgeliefert und gleichzeitig so verzaubert von ihrer Schönheit.

Morgondopp, Walderdbeeren und eine Fika auf der Terrasse des Schwedenhauses

Jeden Tag baden wir im Meer und kein Morgen vergeht ohne einen „Morgondopp“, wie der morgendliche Sprung ins Wasser auf Schwedisch heißt. Und diese Stille hier! Wir lauschen. Wenn man nicht viel hört, hört man mehr: Das Rascheln der Baumkronen im sanften Wind, das Kraxeln eines Eichhörnchens, eine vorbeisummende Hornisse. Wir wollen unten am Meer das Boot ins Wasser lassen, aber unterwegs entdecken wir Walderdbeeren. Als wir alle gepflückt haben, haben wir vergessen, dass wir zum Boot wollten. Stattdessen gehen wir zurück auf die Terrasse, trinken Kaffee und Erdbeersirup, der in Schweden schlicht „Saft“ heißt und essen Kardamomgebäck. Das Küchenradio dudelt schwedische Popmusik und Liveschaltungen zum Frauenfußball. Irgendwann schieben wir dann doch noch das Boot ins Wasser. Die Plane ist über den Winter vertüdelt, drinnen liegt Laub vom letzten Herbst – bevor man gemütlich übers Wasser schippern kann, muss man erstmal ganz schön was tun.

Abends fahren wir besonders gerne raus. Denn während der Wind tagsüber kleine Wellen in unsere Bucht bläst, legt sich abends oft eine magische Ruhe über Wasser und Land. Das Meer glättet sich zu einer spiegelblanken Fläche und es wird so still, dass man die Fische springen hört, oder eine Möwe kreischen. Sonst nichts. Wir lassen den Motor aus und rudern. Es gluckert beim Eintauchen ins Wasser, die Ruder tropfen auf die Wasseroberfläche, wir schauen den Kringeln hinterher. Obwohl es windstill ist, tragen wir Schwimmwesten. Ohne die gehen Schweden nicht aufs Wasser, zu unberechenbar sind die Gewässer.

Regentage im Schuppen: Mit lila Fingern vom Blaubeeren sammeln im Wald

Die wenigen Regentage nutzen wir, um mit der Fähre aufs Festland zu fahren, gehen einkaufen und essen in einem kleinen Café frischgebackene Zimtschnecken und dick belegte Krabbenbrote. Zurück auf der Insel wollen wir die Angeln holen und bleiben im Schuppen hängen: Alles darin sieht aus, als habe der Uropa ihn gerade erst verlassen: riesige Gummistiefel, Werkzeuge und alte Koffer bis unters Dach, an den Wänden hängen Fahrradgerippe neben Klapptisch, Kassettenrekorder und Bootsmotor. Da ist auch der Blaubeerkorb! Kurzerhand schlüpfen wir in Gummistiefel und lange Hosen. Nicht weil es kalt ist, sondern weil uns die Zecken so nichts anhaben können. Wilde Blaubeeren wachsen schon direkt neben dem Haus. Sie sind winzig klein, süß und ziemlich farbecht. Finger, Zunge: alles lila! Später backen wir Blaubeerpfannenkuchen und bewundern die handbestickten Tisch- und Geschirrtücher, die in der Kommode im Wohnzimmer liegen.

Köttbullar und Frosch-Abenteuer: Mitten im schwedischen Sommer

Es ist mild, schönster Schwedensommer, kaum Mücken, dafür viele Zecken. Die Tage vergehen einfach so. Wir essen Hering und Krabbensalat mit Dill-Kartoffeln und ziemlich viele Köttbullar. Wir beobachten Ameisen, angeln und trinken Blaubeersuppe auf den Felsen. Der Köder surrt durch die Luft und versinkt mit einem Platsch draußen im Wasser. Wir warten gespannt. Aber die kleinen Fischchen tun uns dann doch etwas leid – wir gehen lieber zu der Stelle, an der die kleinen Fröschchen wohnen. Ein paar Tage später kommen die schwedischen Cousinen zu Besuch, sie kennen die Froschstelle schon. Die Kinder bauen in alten, verbeulten Blechwannen kleine Landschaften aus Moos, Tannenzapfen und Gräsern. Sie setzen einige Fröschchen hinein und beobachten sie durch eine Lupe. „Und was fressen die so?“ frage ich. „Moos, Blumen und Dill“, antworten die Kinder. Das klingt irgendwie herrlich nach schwedischem Sommer. Als wir die Frösche abends wieder freilassen, winken sie ihnen noch lange nach: „Hejdå, bis nächstes Jahr!“ rufen wir. Und sitzen abends strahlend im Sommerhaus – mit roten Backen und blaubeerblauen Fingern.

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Rezepte fürs Sommerhaus

Tolle Ideen, was man im Sommerhaus so kochen und backen kann, findest du im neuen Buch Sommerhausküche von Michaela Fuchs.

Anreise nach Schweden

Komfortabel geht es mit dem Auto auf der Fähre von Rostock oder Travemünde nach Trelleborg. Der Landweg führt über Dänemark und dann über die Öresundbrücke. Oder mit dem Flugzeug direkt nach Stockholm und ab dort weiter mit dem Mietwagen.

 

Fotos: Hejsson

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